Rainer Eppelmann zu Besuch im Kreis Wesel

Neukirchen-Vluyn:

Pfarrer Rainer Eppelmann spricht über Demokratie und seine Vergangenheit. v.Sabine Hannemann

“Nun leben wir alle in einer Demokratie. Heute sogar mit Menschen, die eine Diktatur gar nicht kennen und jeden Tag Demokratie erleben. Ist doch eigentlich normal”, meint Rainer Eppelmann provokant zu Beginn. Er spricht auf Einladung der Senioren-Union, Stadtverband Moers, und dem CDU-Kreisverband Wesel im Sport- und Freizeitpark Klingerhuf über den Mauerfall.

25 Jahre ist der Berliner Mauerfall her. Ein Ereignis, dessen Reichweite damals wohl kaum einschätzbar war. “Erinnern an den 9. November alleine reicht nicht”, mahnt Zeitzeuge Eppelmann, der als Mitbegründer der Partei Demokratischer Aufbruch im September 1989 am Verlauf wesentlichen Anteil hat. Es ist mucksmäuschenstill, als er, der oppositionelle Pfarrer, von den Geschehnissen vor 25 Jahren spricht, die er bewusst an die Generation der “lieben Nachgeborenen” richtet.

Die Wiedervereinigung sieht der 71-Jährige als eine Etappe der europäischen Geschichte an, die sich an das Deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, das NS-Zeit und Nachkriegsdeutschland reiht. Diktatur oder Demokratie als Schicksalsfrage konnte mit Hilfe der westlichen Alliierten mit dem Aufbau der Demokratie beantwortet werden. “Wir sind heute dabei zu begreifen, wie sich Europa darstellt”, so Eppelmann.

Als Mann, der beide Welten kennt, berichtet er von seinen Leben in der DDR, das die SED bestimmte. “Wir mussten so tun, als wenn wir alles gut finden und wurden zur eigenen Lüge ermuntert”, sagt er. Einfach weggehen, “rüber machen” – daran dachten viele. Der Mauerbau 1963 schloss das Schlupfloch zur Freiheit in den Westen. “Wir reisten allabendlich aus. Sahen mit ARD und ZDF in Ihre Büros und Wohnzimmer. Wir dachten: ,Mann, jeht et denen jut.’ Wir fragten uns: ,Sind die besser?’ und wurden enttäuscht.” Das West-Fernsehen sorgte für die Sehnsucht nach Freiheit. “Unsere Sehnsucht wurde immer größer. Mit den Montagsdemonstrationen hatten wir aufgehört zu flüstern.” Für Eppelmann sind mit dem Mauerfall diese Namen verbunden: Gorbatschow, Johannes Paul II., Vaclav Havel wie Lech Walesa von der Gewerkschaft Solidarnosc, als es galt, das kommunistische Regime in Polen zu überwinden. Ein Meilenstein für die Wiedervereinigung Deutschlands.

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Eppelmann fordert auf, an das Übermorgen von künftigen Generationen zu denken. “Die kostbarste Erbschaft ist nicht Geld, sondern die Erfahrung Ihres Lebens.” Und er hat einen Wunsch: “Ich möchte mit klarem Kopf wenigstens 93 Jahre alt werden. Dann habe ich ein Jahr länger in Demokratie als in Diktatur gelebt.”

Quelle: RP Moers/Neukirchen-Vluyn  29.Oktober 2014

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